Eine Zukunft der Arbeit – oder das Ende von Arbeit für viele?
Was passiert, wenn nicht nur Routine-, sondern auch Wissensarbeit von KI übernommen wird? Eine Prognose.
Ich habe einmal an die Idee der Befreiung geglaubt. Daran, dass Technologie uns von stupiden Routinearbeiten entlastet – und Raum schafft für das, was menschlich ist: Kreativität, Empathie, Intuition, Urteilsvermögen.
Das war eines der grossen Versprechen der Digitalisierung. Was ist daraus geworden? In vielen Unternehmen wurde die gewonnene Zeit nicht für mehr Menschlichkeit genutzt, sondern für Effizienzsteigerung und Personalabbau.
Jetzt beginnt die nächste Phase. Und diesmal betrifft sie nicht nur Routinearbeit, sondern Wissensarbeit.
Meine Einschätzung ist nüchtern: KI wird viele Tätigkeiten überflüssig machen – in fast allen Branchen und unabhängig vom Bildungsniveau. Das Handwerk gilt im Moment noch als sicherer Hafen. Aber wie lange noch? Humanoide Roboter stehen nicht mehr nur in Labors.
Und wer profitiert? Eine vergleichsweise kleine Gruppe: Unternehmen, Investoren, Kapitalbesitzer. Die grössten Wertschöpfungszuwächse durch KI entstehen derzeit in den USA und China, zwei Systeme mit unterschiedlichen Strukturen, aber vergleichbarem Tempo. In den USA wurden 2024 rund 109 Milliarden US-Dollar privat in KI investiert. China treibt die Integration staatlich gesteuert mit hoher Geschwindigkeit voran – der Vorsprung der USA ist deutlich geschrumpft.
Hierzulande zeigt sich ein anderes Bild: Nur rund 43 % der deutschen und 30 % der Schweizer Unternehmen berichten, dass KI bereits einen signifikanten Beitrag zum Umsatz leistet. Der Einsatz generativer Technologien befindet sich oft noch im Pilotstadium. Nicht, weil die Technologie fehlt, sondern weil klare Zielbilder, Business Cases und Organisationsstrukturen fehlen. Doch das dürfte sich ändern: 81 % der deutschen und 73 % der Schweizer Führungskräfte erwarten, dass KI bis 2030 ihren Umsatz signifikant steigern wird.
Wenn die Verteilungsfrage nicht neu gestellt wird, wird die finanzielle Kluft zwischen denen, die von KI profitieren, und denen, deren Arbeit durch sie ersetzt wird, immer grösser.
Es gäbe Alternativen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine davon. Keine Utopie, sondern eine politische und gesellschaftliche Entscheidung. Wenn die durch KI entstehende Wertschöpfung anders verteilt würde, könnten wir Tätigkeiten aufwerten, die bislang nahezu unsichtbar geblieben sind: Pflege, Erziehung, gesellschaftliches Engagement im Allgemeinen.
Ich halte dieses Szenario derzeit für unwahrscheinlich. Aber vielleicht täusche ich mich ja.
Kommentar von Ute Sommer, März 2026
IBM Institute for Business Value (2026): Enterprise 2030 – KI-Studie Deutschland und Schweiz. ibm.com
Bitkom Research (2025): Künstliche Intelligenz in Deutschland – Studie 2025. bitkom.org
CorpIn (2025): Swiss AI Report 2025, zitiert in: Netzwoche, März 2026. netzwoche.ch
Franklin Templeton (2026): KI global verteilt – Wertschöpfung und Investitionen im internationalen Vergleich. geld-magazin.at
China im Blickpunkt (2025): Jahresrückblick 2025 – Technologische Entwicklungen in China. china-im-blickpunkt.de