Verantwortungseigentum: Wenn Unternehmen sich selbst gehören
Unternehmen ohne Eigentümer: eine echte Alternative zum profitorientierten Wirtschaften?
Lange war Verantwortungseigentum ein Nischenthema. Nun findet es sich im Koalitionsvertrag der deutschen Bundesregierung. Ein erstes Rahmenkonzept des Bundesjustizministeriums liegt seit März 2026 vor.
Die Idee dahinter ist so einfach wie radikal: Unternehmen gehören sich selbst. Gewinne werden nicht an Eigentümer ausgeschüttet, sondern reinvestiert. Das Vermögen ist dauerhaft an den Unternehmenszweck gebunden, unveräusserlich, unvererbbar, nicht spekulierbar. Wer Gesellschafterin oder Gesellschafter ist, versteht sich als Treuhänder und nicht als Kapitalanleger.
Warum Verantwortungseigentum?
Die Motive sind vielfältig. Für viele geht es darum, das eigene Lebenswerk zu schützen: vor kurzfristigen Renditeinteressen, vor dem Ausverkauf, vor Übernahmen durch Investoren, denen der Zweck des Unternehmens gleichgültig ist.
Für andere steht die Nachfolge im Vordergrund. Das Unternehmen soll nicht an die Familie vererbt, sondern von Menschen weitergeführt werden, die sich als «Fähigkeits- und Wertefamilie» verstehen.
Und nicht zuletzt spielt Sinnorientierung eine zentrale Rolle: Unternehmen im Verantwortungseigentum wirtschaften primär für Mitarbeitende, Kunden und Gesellschaft – und nicht für die Dividende von Investoren.
Auf den ersten Blick mag das wie eine idealistische Vorstellung wirken. Tatsächlich gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass dieses Modell auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann: Bosch, Zeiss und Alnatura arbeiten seit Jahrzehnten nach ähnlichen Prinzipien. In der Schweiz gibt es erste Vorreiter wie Crowd Container oder MONoPOLE, die offiziell im Verantwortungseigentum sind.
Und die gesetzlichen Grundlagen?
Bisher mussten Unternehmen, die im Verantwortungseigentum wirtschaften wollten, komplexe Stiftungskonstruktionen aufbauen. Teuer, aufwändig und für kleinere Unternehmen oft kaum realisierbar.
Genau das soll sich in Deutschland ändern. Geplant ist eine neue Rechtsform mit gebundenem Vermögen, die Verantwortungseigentum einfacher und zugänglicher machen soll, insbesondere für den Mittelstand und Start-ups.
In der Schweiz gibt es bislang keine vergleichbare gesetzliche Initiative. Allerdings setzt sich «Purpose Schweiz» für entsprechende Reformen ein und begleitet Unternehmen auf dem Weg ins Verantwortungseigentum. Möglich ist es bereits heute, allerdings meist nur über aufwändige rechtliche Konstruktionen, die für kleinere Unternehmen schwer tragbar sind.
Fazit
Was mich an diesem Thema fasziniert: Verantwortungseigentum ist kein Widerspruch zur Marktwirtschaft, sondern eine Erweiterung. Eine, die zeigt, dass Verantwortung, Sinnorientierung und wirtschaftlicher Erfolg sich nicht ausschliessen müssen – wenn man den Begriff von Eigentum neu denkt.
Kommentar von Ute Sommer, März 2026
Weitere Informationen:
Deutschland: stiftung-verantwortungseigentum.de
Schweiz: purpose-schweiz.org