KI als Boss
Stell dir vor, wir sind im Jahr 2040 – und dein Boss ist eine KI. Eine befremdliche Vorstellung?
Diese Frage habe ich mir selbst gestellt. Und ich muss zugeben, sie hat ein diffuses Gefühl von Ablehnung in mir ausgelöst.
Eine KI ist nie launisch, sie trifft konsistente Entscheidungen, ist jederzeit verfügbar und kennt keine persönlichen Vorurteile. Genau das sind Eigenschaften, die viele Menschen sich von ihren Vorgesetzten wünschen.
Und doch zeigen aktuelle Studien ein anderes Bild: Mitarbeitende akzeptieren KI zunehmend als Unterstützung, aber deutlich seltener als Führungskraft. Erste Untersuchungen weisen auf ein Phänomen hin, das als „algorithmic aversion" bezeichnet wird: Menschen stehen algorithmischen Entscheidungen besonders dann kritisch gegenüber, wenn sie selbst direkt betroffen sind – etwa bei Leistungsbeurteilungen, Feedback oder Karriereentscheidungen. KI wird im Arbeitskontext vor allem als unterstützendes Werkzeug akzeptiert, während die Vorstellung einer KI als direkte Führungskraft auf deutliche Vorbehalte stösst.
Zwar nehmen viele Mitarbeitende algorithmische Systeme als objektiver und weniger voreingenommen wahr als menschliche Führung. Was ihnen fehlt, ist wenig überraschend: die zwischenmenschliche Dimension.
Dabei wissen wir, dass Engagement und Leistungsbereitschaft stark von der Qualität der Beziehung zur direkten Führungskraft abhängen. Und selbst wenn in Deutschland rund 90 % der Beschäftigten nur eine geringe oder keine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben, stösst die Vorstellung eines KI-Bosses mehrheitlich auf Ablehnung.
Vielleicht ist das kein Widerspruch, sondern ein Hinweis darauf, was die Führung der Zukunft im Kern ausmachen wird. Oder – vielleicht ist die Akzeptanz auch nur eine Frage der Zeit.
Dietvorst et al. (2015), Algorithm Aversion
Harvard Business Review (verschiedene Beiträge zu AI & Leadership)
Gartner, Future of Work Reports
Gallup Engagement Index