Mein Boss ist eine KI – Traum oder Albtraum?
Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2040. Dein direkter Vorgesetzter ist eine KI – oder vielleicht sogar ein humanoider Roboter. Er hat keine Launen, keine Lieblinge, macht keine Politik. Klingt trotzdem befremdlich?
Bereits heute geben EU-weit 42 Prozent der Beschäftigten an, von algorithmischen Managementsystemen gesteuert zu werden (EPRS, 2025). Wohlgemerkt: Das sind noch keine vollständigen KI-Chefs. Es sind Fragmente: ein Algorithmus, der Schichtpläne erstellt. Eine Software, die Beförderungsempfehlungen generiert. Ein System, das Leistung misst.
Gewöhnen wir uns daran? Die Forschung sagt bislang: eher nicht. Algorithmische Überwachung belastet nachweislich. In der EU berichten 31 Prozent der Beschäftigten unter algorithmengesteuerter Aufgabenzuteilung von Stress, Depression oder Angst. Dort, wo Algorithmen zusätzlich Verhalten überwachen, steigt der Anteil auf 34 Prozent (EU-OSH Pulse, 2022; FEPS, 2023).
Was überrascht: Vollautomatisches Management wird von Beschäftigten oft als weniger belastend erlebt als hybrides. Die Erklärung liegt im sogenannten Automation Bias, der Tendenz, algorithmischen Empfehlungen übermässig zu vertrauen (Alon-Barkat & Busuioc, 2023). Formal entscheidet der menschliche Vorgesetzte. In der Praxis folgt er oft dem System. Hinterfragen bedeutet Aufwand. Und das Vertrauen in den Algorithmus wächst mit der Zeit. Die Mitarbeitenden spüren das: Ihr Chef hat ein Gesicht, aber Mühe, Entscheidungen zu erklären (Zhang et al., 2025).
Besonders heikel wird es, wenn die KI menschlich wirkt. Experimentelle Studien mit Robotern zeigen: Negatives Feedback eines menschenähnlich gestalteten Roboter-Vorgesetzten wird eher als übergriffig wahrgenommen als das eines weniger vermenschlichten Roboters. Der Grund: Je menschlicher der Roboter wirkt, desto stärker schreiben wir ihm eigene Absichten zu. Obwohl wir wissen, dass dahinter kein Mensch steckt, reagieren wir sozial auf ihn (Yam, K. C und weitere, 2022).
Parallel dazu erstellen erste Unternehmen digitale Klone ihrer Führungskräfte: fotorealistische Avatare, die in Video-Meetings auftreten, Feedback geben und Verbundenheit schaffen sollen. Meta entwickelt derzeit einen solchen Klon von CEO Mark Zuckerberg. Er soll in seinem Namen interagieren. Zuckerberg trainiert seinen digitalen Zwilling persönlich (Financial Times, April 2026). Ob solche Klone wirklich führen können, ist offen. Sicher ist: Die Frage nach Verantwortung wird damit noch komplizierter.
Diese Entwicklungen beschäftigen mich auch in meinem nächsten Thriller craveX 011, der in der Schweiz des Jahres 2040 spielt. In einer Zeit, in der sich diese Fragmente zu einem Ganzen zusammengefügt haben könnten.
Weiterlesen: Welche Fähigkeiten Führungskräfte im Zeitalter autonomer KI brauchen, beleuchte ich im Beitrag Gute Führung im Zeitalter autonomer KI.
EPRS (2025): Digitalisation, artificial intelligence and algorithmic management in the workplace. European Parliamentary Research Service. europarl.europa.eu
EU-OSH Pulse (2022): Psychosocial risks and digital technologies at work. European Agency for Safety and Health at Work. healthy-workplaces.osha.europa.eu
Jensen, M. / Oosterwijk, G. / Nørgaard, A. (2024): Computer in command. Foundation for European Progressive Studies (FEPS). feps-europe.eu
Alon-Barkat, S. / Busuioc, M. (2023): Human–AI Interactions in Public Sector Decision Making. Journal of Public Administration Research and Theory, 33(1), 153–169. doi.org
Zhang, M.M. et al. (2025): The Rise of Algorithmic Management. New Technology, Work and Employment, 40: 659–671. onlinelibrary.wiley.com
Yam, K. C. et al. (2022): When your boss is a robot. Journal of Experimental Social Psychology, 102, 104360. sciencedirect.com
Financial Times (13. April 2026): Meta is building a photorealistic AI clone of Mark Zuckerberg. engadget.com